Die Bühne bebt, das Publikum feiert, die Schlangen an Getränkeständen sind lang und mit ihnen hält sich der Vorwurf, dass Festivals zu viel Abfall produzieren. Doch immer mehr Großveranstaltungen zeigen, dass es auch anders geht: Mehrwegsysteme für Becher, Geschirr und Besteck erobern Festivals, Konzerte und Co. zunehmend. Sie zeigen, wie eine ganze Branche Verpackungslösungen neu denkt und auch in einem schwierigen Einsatzfeld funktionierende Kreisläufe etabliert.
Festivals und zurückgelassener Abfall, das schien lange untrennbar. Spätestens nach dem letzten Auftritt offenbarte sich die Kehrseite der ausgelassenen Stimmung. Bei Rock am Ring zum Beispiel, einem der größten Festivals Deutschlands, entstehen rund 60 Prozent des Abfalls auf den Campingflächen. Hier bleiben nach der Abreise Einweg-Kunststoffverpackungen, Pfanddosen sowie Camping-Equipment liegen und prägen das Bild. Umso wichtiger sind Beispiele, die zeigen, dass sich gewohnte Muster verändern lassen. Denn Nachhaltigkeit und Festivalbetrieb müssen kein Widerspruch sein.
Immer mehr Veranstalter von Großveranstaltungen erweitern ihre Konzepte um nachhaltige Maßnahmen. Dazu gehört eine klare Kommunikation mit den Festivalgästen, etwa zu Entsorgungsstationen und einem rücksichtsvollen Umgang mit der Umwelt sowie Ressourcen. So fördert zum Beispiel das Wacken-Festival Mülltrennung und setzt attraktive Anreize für das gemeinsame Aufräumen. Eine weitere wichtige Stellschraube ist die Gastronomie. Hier entsteht Handlungsdruck von mehreren Seiten: Die regulatorischen Anforderungen steigen durch PPWR und Co., gleichzeitig haben auch Stakeholder und das Publikum immer höhere Erwartungen an Nachhaltigkeit.
Mehrwegsysteme sind Teil der Lösung. Damit diese in Festival-Umgebungen funktionieren, müssen Produkte, Logistik, Nutzung, Rückgabeprozesse und Reinigung reibungslos zusammenspielen und dabei wirtschaftlich bleiben. Wo in kurzer Zeit tausende Menschen versorgt werden müssen, war Einweg deshalb lange die pragmatischste Lösung. Mehrwegsysteme galten als zu aufwändig und zu teuer. Doch Pilotprojekte haben gezeigt, dass sie auch unter Festivalbedingungen funktionieren. Seitdem sind sie auf dem Vormarsch.
Kunststoff hält dem Trubel stand
Mehrweg ist nicht gleich Mehrweg. Es kommt auf das richtige Material an und Kunststoff macht Mehrweg auf Großveranstaltungen überhaupt erst praktikabel. Er ist leicht, robust, hygienisch und stapelbar. Darüber hinaus lässt er sich, anders als etwa Glas oder Porzellan, ohne Bruchrisiko durch Tausende Hände reichen. Gerade bei hohem Durchsatz und langen Veranstaltungstagen sind das keine Kleinigkeiten, sondern operative Grundvoraussetzungen. Im Mehrwegsystem überzeugt Kunststoff als langlebiges, mehrfach nutzbares und am Ende recycelbares Produkt im geschlossenen Kreislauf.
Mehrweg rockt den Nürburgring
Das Rock-Festival Rock am Ring legt seit vielen Jahren Wert darauf, Abfall auf dem Nürburgring-Gelände zu reduzieren. Mit Erfolg: Verursachten rund 85.000 Festivalgäste im Jahr 2019 noch etwa 481 Tonnen Abfall, waren es 2024 nur noch 294 Tonnen bei nahezu derselben Besucherzahl. Ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung war 2025 die Einführung eines nachhaltigen Eventmanagementsystems nach DIN ISO 20121. Der internationale Standard gibt einen Rahmen vor, um Events systematisch nachhaltiger zu planen, durchzuführen und weiterzuentwickeln.
So werden beispielsweise im Konzertbereich von Rock am Ring schon seit Jahren ausschließlich Mehrwegbecher verwendet. Seit 2025 gilt das Mehrweg-Pfandsystem auch für Geschirr, wodurch sich Einwegverpackungen für Essen abseits der Campingplätze einsparen lassen. Auch für Rock am Ring 2026 waren allein im Bereich Catering zahlreiche Maßnahmen geplant. So haben die Veranstalter erneut Mehrwegbecher genutzt. Hinzu kamen der Verzicht auf Einwegkunststoff im gesamten Catering-Bereich und Sustainability Guidelines für alle Catering-Partner.
Anpfiff für Mehrweg: Public Viewing zur WM 2026
Millionen Menschen verfolgen seit dem 11. Juni auf Marktplätzen und in Biergärten die Fußball-WM und genießen dabei Kaltgetränke aus Bechern. Doch auch hier sind Mehrwegbecher eine echte Alternative. Wie gut das funktioniert, hat Deutschlands größte Fanmeile zur Fußball-EM 2024 bewiesen: Auf der Berliner Fan Zone am Brandenburger Tor kamen ausschließlich Mehrwegbecher, -teller und -besteck zum Einsatz. Nach Schätzungen wurden so fast zwei Millionen Einwegartikel eingespart. Die Deutsche Umwelthilfe zeichnete das Konzept dafür aus. Die WM 2026 wird zeigen, wie weit das Umdenken inzwischen reicht.
Eine Branche in Bewegung
„Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst“ – für die Berliner Band „die Ärzte“ ist dies mehr als eine Zeile aus einem ihrer Hits. Es ist eine Grundhaltung. Die drei Musiker gehören zu einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die eigene Impulse für neue Veranstaltungskonzepte setzen und ihre Konzerte so klima- und ressourcenfreundlich wie möglich umsetzen wollen.
2024 beispielsweise spielte die Band drei Konzerte auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof vor insgesamt 150.000 Fans. Um sie nachhaltiger zu gestalten, hat sich die Band im Vorfeld mit dem Konzertveranstalter Loft Concerts GmbH und der Umweltorganisation Cradle to Cradle NGO für das Projekt „Labor Tempelhof“ zusammengetan. Zu den nachhaltigen Maßnahmen gehörten Mehrwegkonzepte, Ökostrom, Kulissen aus recyceltem Material und eine klimafreundliche Anreise. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Event gleichen Ausmaßes wurden so insgesamt über 1.400 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart, das sind 21 Prozent der gesamten Emissionen.
Vom Mehrwegbecher zum Gesamtsystem
Auch das OMR Festival in Hamburg, die größte Veranstaltung rund um Digitalwirtschaft, Medien und Marketing in Europa, zeigt, wie weit die Entwicklung in Sachen Mehrweg auf Festivals bereits ist. Dort wurde das Mehrwegkonzept gemeinsam mit Vytal, Anbieter von digital gestützter Mehrwegsoftware, in den vergangenen Jahren schrittweise zu einem ganzheitlichen Mehrwegkonzept ausgebaut:
- Bereits 2022 führte OMR Mehrwegbecher ein.
- Seit 2023 sind Speisen in der Food Hall ausschließlich in Mehrweggeschirr von koziol erhältlich, einem Partner von Vytal. So wurden über 35.000 Einweggebinde und Bestecke eingespart. Der Partner Mehrwegkonzepte System GmbH übernahm dabei die gesamte Logistik, von der Anlieferung bis zur mobilen Spülstation.
- 2024 testeten OMR und Vytal in einem Pilotprojekt vollautomatische Rückgabestationen für benutztes Mehrweggeschirr. Über 314.000 Mehrwegbecher sowie rund 200.000 Geschirr- und Besteckteile kamen dabei zum Einsatz. Die Rückgabequote lag bei starken 99 Prozent.
- 2025 weiteten Vytal und OMR das Konzept auf das gesamte Messegelände aus. Mehrweggeschirr kommt seitdem auch in den zahlreichen Food Trucks im Outdoor-Bereich und an den Ausstellungsständen zum Einsatz. Die Rückgabe ist an zahlreichen Stationen via NFC-Armband möglich.
Erfolgsentscheidend ist, dass sich nicht nur einzelne Produkte verändern, sondern ganze Abläufe. Digitale Pfand- und Rückgabesysteme wie das von Vytal, vollständige Integration in bestehende Zahlungsprozesse, automatisierte Rückgabestationen und eine reibungslose Logistik helfen dabei, Mehrweg auch im Trubel von Events praktikabel zu machen. Zudem spart ein solches Mehrwegkonzept Platz: So passte das gesamte Geschirr für das OMR-Festival 2023 in einen einzigen LKW. Dieselbe Menge an Porzellangeschirr hätte viermal so viel Platz benötigt.
Mehrweg-Premiere auf dem Fairground Festival
Auch beim Fairground Festival 2025 in Hannover kam erstmals ein digitales Mehrweg-Pfandsystem zum Einsatz. Rund 20.000 Besucher und Besucherinnen unterzogen das „Throw’n’Go“-System von Tomra Reuse an zwei Festivaltagen einem realen Stresstest. Ziel war es, Abfallmengen zu reduzieren, die Abläufe an den Bars zu beschleunigen und die Sauberkeit in den Veranstaltungshallen auch bei hohem Besucheraufkommen sicherzustellen.
Die Eventlösung bildet den Kauf und die Rückgabe von Getränkebechern vollständig digital ab. Das System besteht aus wiederverwendbaren Bechern mit integrierten RFID-Chips und einhundert digitalen Bar-Anbindungen, beim Ausschank wurden automatisch zwei Euro Pfand erhoben. An 15 Rückgabestationen auf dem gesamten Festivalgelände konnten die Gäste die Becher zurückgeben. Bezahlung und Pfandrückerstattung erfolgten vollautomatisch und digital über das verknüpfte Einlassarmband. Die Ergebnisse überzeugten: sauberere Hallen, kürzere Wartezeiten an den Bars und weniger Abfall im laufenden Betrieb.
Mehrweg etabliert sich im Festivalalltag
Mit dem schrittweisen Ausstieg aus Einwegverpackungen und der Vorbereitung auf strengere Mehrwegvorgaben gewinnen praxistaugliche, skalierbare Lösungen auch im Eventbereich an Bedeutung. Die Beispiele zeigen, dass sich Verpackungs- und Ausgabesysteme auch unter Festivalbedingungen neu organisieren lassen. Die Akzeptanz beim Publikum ist hoch, vor allem dann, wenn das Handling einfach und die Rückgabe reibungslos funktioniert. Was vor wenigen Jahren in Pilotversuchen startete, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem belastbaren Modell für den Veranstaltungsbereich.